Mittwoch, 19. August 2015

ProBeweis

Der eigene Mann ist der gefährlichste

"Der gefährlichste Mann für eine Frau ist der eigene", heißt es in einer Pressemitteilung des niedersächsischen Sozialministeriums. Christiana (36) kann ein Lied davon singen - nach drei Ehen, aus denen sechs Kinder hervorgegangen sind, aus jeder Ehe zwei. Den ersten Mann lernt sie mit 16 kennen. 

"Süße 16 war ich", sagt sie, "und ich war schnell schwanger. Auf das Kind habe ich mich sehr gefreut."  Ihr Mann nicht. Immer häufiger schlägt er sie, sperrt sie in der Wohnung ein, wenn er unterwegs ist, vergewaltigt sie. Als 18-Jährige bringt sie das zweite Kind zur Welt. Ihre Eltern hat Christiana früh verloren, sie wächst in Heimen auf, reißt immer wieder aus, lebt als 13-Jährige auf der Straße, bis sie ihn trifft.  

Jede dritte Frau erlebt mindestens einmal im Leben häusliche Gewalt, schätzt das niedersächsische Sozialministerium, verprügelt werden sie von ihren Ehemännern oder Lebenspartnern: "Diese enge soziale Bindung macht es den Frauen oftmals schwer, ihre Rechte wahrzunehmen und ihre Peiniger bei der Polizei anzuzeigen. Doch für eine aussichtsreiche Strafverfolgung ist es wichtig, so schnell wie möglich die Beweise für die Gewalttat zu sichern."

Christiana zeigt ihren Mann nicht an, eines Tages verschwindet er, weil er von der Polizei gesucht wird. Acht Jahre später heiratet sie ein zweites Mal, ihr zweiter Mann ist nicht besser als ihr erster. Für Frauen wie Christiana gibt es seit drei Jahren ProBeweis. 16 niedersächsische Städte machen inzwischen mit, neuerdings gehört auch das Allgemeine Krankenhaus in Celle dazu.

„Das Netzwerk ProBeweis dokumentiert gerichtssicher Gewaltspuren, damit die Opfer in einer ohnehin sehr belastenden Situation nicht auch noch sofort eine Anzeige erstatten müssen. Der Schutz der Opfer steht hier für mich an oberster Stelle", sagt Niedersachsens Sozialministerin Cornelia Rundt. Für die Frauen beginne meist eine Gewaltspirale, die sie nur schwer durchbrechen können, so die Ministerin. „Sie leiden an den physischen und psychischen Folgen, schämen sich, machen sich Selbstvorwürfe - und haben Hemmungen, zur Polizei zu gehen." 

Viele Frauen erstatten erst nach Monaten oder Jahren Anzeige, dann steht oft Aussage gegen Aussage. Das will ProBeweis verhindern. Cornelia Rundt: "Beweise können frühzeitig anonymisiert dokumentiert werden, um auch noch Jahre später eine Anzeige erstatten zu können." In der rechtsmedizinischen Abteilung der Medizinischen Hochschule Hannover laufen die Fäden zusammen, alle Hinweise unterliegen der ärztlichen Schweigepflicht und werden nur weitergegeben, wenn das Opfer damit einverstanden ist.

Auch die dritte Ehe von Christiana ist gescheitert, sie will nie wieder heiraten und lebt von Hartz IV. Das Jobcenter hält sie für arbeitsunfähig, weil sie von ihrer Vergangenheit immer wieder eingeholt wird. Ihre älteste Tochter wohnt nicht mehr bei ihr, sie ist mit 18 zu ihrem Freund gezogen. Christiana hat sich in ihrer kleinen Welt eingerichtet. "Wir sind eine kleine glückliche Familie", sagt sie und scheint ihren eigenen Worten nicht zu trauen. 

Auch in den nächsten drei Jahren wird ProBeweis mit 270 000 Euro jährlich gefördert. 276 Fälle hat das Netzwerk registriert, 35 in den ersten fünf Monaten des Jahres 2015. 56 Frauen haben mittlerweile Anzeige erstattet. ProBeweis gibt es in Aurich, Braunschweig (2 Standorte), Celle, Göttingen, Hannover (2 Standorte), Lüneburg, Meppen, Northeim, Oldenburg (2 Standorte), Osnabrück, Papenburg, Stade, Uelzen, Vechta, Verden und Wolfsburg.

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